Lehre: Weg aus der Schulangst Heute kann Selin Agcay durchatmen und wieder befreit lachen. Der Grund: Die Unterschrift unterdemAusbildungsvertrag zur Friseurin und die Anmeldung an der Berufsschule. NochvorwenigenMonaten allerdings war die heute 17-Jährige ein ganz anderer Mensch. „Sie hatte Kopfweh, bekam Probleme mit den Augen, ihre ganze Persönlichkeit ist nach und nach verschwunden“, erinnert sich ihre Mutter Ekaterina Agcay. Selin litt unter immer stärkerer Schulangst. Dabei waren nicht etwa die Noten das Problem. Die Elftklässlerin hatte gute Leistungen und kam immer mit dem Schulstoff zurecht. Was ihr fehlte, war eine echte Perspektive. „Es ist ja quasi in den Kopf eingebrannt, dass man die Fachhochschulreife macht, danach Abi und dann irgendwas studiert. Genau da hatte ich nach und nach eine Blockade: Ichwusste einfach nicht, wofür ich das alles tue undwas ich studieren soll. Das Lernen wurde immer schwerer, weil ich kein konkretes Ziel vor Augen hatte“, erinnert sichSelin.Gleichzeitigdrehte sich ihr Leben fast nur noch um die Schule: „Unterricht bis 16 Uhr, zuhause war ich erst um 17:30 Uhr, weil der Bus von der Schule in Ringen lange braucht. Danach musste ich oft noch etwas für die Schule machen. Früher habe ichgernSport getrieben, gezeichnet und gelesen. Dafür blieb irgendwann keine Energie mehr übrig.“ DieElternbemerkten,wiesich ihreTochter veränderte und fragten behutsam nach. „Meine Mutter hat dann gesagt: Warum hörst du nicht einfach nach dem Fachabi auf und machst eine Ausbildung?“ Auch der Vater, Friseurmeister Kürsat Agcay, war nach kurzem Zögern überzeugt. Sehr gut beraten wurde Selin von Claudia Wildermann (kleinesBild, links), die imKreis Ahrweiler für die Handwerkskammer Koblenz tätig ist und solche Situationen gut kennt. „Sie hat mir Vor- und Nachteile erklärt und gezeigt, wie ich den Wechsel in die Ausbildung vorbereiten kann“, erinnert sich Selin. Seit sie den Lehrvertrag in der Tasche hat, ist sie wie ausgewechselt. „Ich fühle mich befreit. Die schriftlichen Prüfungen zum Fachabi habe ich hinter mir, das erste Ausbildungsjahr ist der praktischeTeil des Fachabis. Ich weiß jetzt, dass ich täglich unter Leuten bin, eine feste Aufgabe und einZiel habe–daswirdmirSpaßmachen!“ Etwas Erfahrung hat sie bereits, denn sie ist „im“ Salon ihrer Eltern groß geworden und hilft manchmal freiwillig am Wochenende mit. „Ich habe auch Praktika in anderen Berufen absolviert, aber der Friseurberuf macht am meisten Spaß. Ich freue mich, wenn ich sehe, was ich mit meinen Händen geschaffen habe. Auf gewisse Weise wird man ja durch seine Arbeit ein Teil des Kunden.“ In ihremUmfeldwarenLehrerundFreunde zunächst überrascht. Doch Selin erklärte ihnen: „Ich habe jetzt einen genauen Plan. IchmachemeineAusbildung, denMeister, danach stehen mir viele Wege offen.“ Dabei bekamsie häufigdieselbeReaktion: „Eigentlich geht es vielen wie mir, aber viele machen nur das, was die Eltern sich für sie vorstellen.“ Ihr Rat: „Wichtig ist, ein festes Ziel zu haben und auf das eigene Herzzuhören.VieleElternsindzuverbohrt in ihren Vorstellungen – entscheidend ist, dass man selbst glücklich wird.“ Kontakt: Friseur SEM Tel. 02641 916 151 www.friseur-sem.de Immer weiter trotz Corona und Flut Der Salon SEM hat bewegte Jahre hinter sich. Von der Gründung über die Pandemie bis zur Flutkatastrophe im Ahrtal mussten sich die Betreiber immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Friseurmeister Kürsat Agcay und Ehefrau Ekaterina (im Bild rechts) haben den Salon Friseur SEM in der Altstadt vonBadNeuenahr 2015 eröffnet.Direkt nach einer umfassenden Renovierung kamplötzlich die pandemiebedingte Zwangspause. Es folgte die Flutkatastrophe, bei der der Salon vollständig zerstört wurde. Doch die Agcays gaben nie auf. Heute erstrahlt der Betrieb in neuemGlanz und die fünf Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Ab August dann unterstützt durchTochter Selin, die sich darauf freut, ihre Eltern als Ausbilder zu haben. Fragen rund um die AusbildungunddieWege insHandwerkbeantwortengern die Ausbildungsberater der HwK Koblenz. Kontakt: ausbildung@hwk-koblenz.de 06 Für Selin ist der Weg in eine Ausbildung zur Friseurin zugleich der Aufbruch in ein Leben ohne Angst: Der Schulstress war für sie so belastend, dass sie mit ihren Eltern beschloss, ins Handwerk zu wechseln. Dabei war die Handwerkskammer Koblenz eine große Unterstützung.
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