Handwerk Special Nr. 255 vom 29.08.2026

Vom Weltmeister zum Möglichmacher Dass sein Weltmeistertitel 35 Jahre her ist, kann Stephan George kaum glauben. Vielleicht weil er täglich von jungen Studierenden umgeben ist oder weil er selbst bis heute neugierig geblieben ist. Auf jeden Fall wurde die Internationale Berufsolympiade in Amsterdam für den damals 20-jährigenStuckateur zumberuflichenWendepunkt. SchonalsLehrling im elterlichen Betrieb in Koblenz-Rübenach und indenüberbetrieblichenLehrlingsunterweisungen war George „experimentell neugierig“. Beim Praktischen Leistungswettbewerb wurde er Bundessieger, qualifizierte sich für Amsterdam, gewann Gold und wurde „Bester der Nation“, wie die damaligeHandwerkSpecial berichtete (rechtes Foto). Plötzlich war der junge Geselle gefragt: Der Koblenzer Oberbürgermeister lud ihn ein, in Bonn lernte er Bundeskanzler Helmut Kohl kennen. Und er erhielt ein Stipendium für eine dreimonatige Fortbildung in Venedig mit Schwerpunkt Denkmalschutz. „Vis-à-vis desMarkusplatzes“, erinnert sichGeorge. „Diese Auslandserfahrung war unglaublich wertvoll. Genau genommen hat sich das Handwerk ja seit Jahrtausenden über Grenzen hinweg weiterentwickelt – bei Materialien,WerkzeugenundTechniken.“ In Deutschland machte George seinen Meister und wurde Restaurator im Handwerk.Dannwollteer eigentlichdenBetrieb seines Vaters übernehmen. Doch George entdeckte ineinerFachzeitschrift eineStellenanzeige:GesuchtwurdederLeiter einer Studienwerkstatt an der Akademie der Bildenden KünsteMünchen. Die Anzeige hat er bis heute. Er bewarb sich undmerkte erst beim Zusammenstellen der prallen Bewerbungsmappe, wieviel Erfahrung er bereitshatte–vomLehmbauseminar bis zu Lehraufträgen inVenedigundAntwerpen. Er bekamdie Stelle und feierte kurz darauf seinen Einstand in München zusammen mit seinem 30. Geburtstag. „Ich hatte statt Kunden auf Baustellen nun Studierende auf dem Campus – mit ihren Fragen, Ideen und mehr oder weniger handwerklichen Vorkenntnissen.“ George etablierte sich schnell im akademischen Umfeld und leitet seit 27 Jahren die Studienwerkstatt für Gipsgießen und Stuck. Hier treffen Bildhauerei, Malerei und andere künstlerische Disziplinen auf das, was George ambesten kann: Material verstehen. Gips, Kalk, Zement, Lehm, Metall, Glas. Die Grenzen zwischen den Werkstätten sind so fließend wie die Studierenden und ihre Ideen vielfältig. „Als Handwerker kann man sagen: ,Das geht nicht‘, bei Studierenden funktioniert das nicht“, berichtet der Stuckateurmeister. Genau diese Herausforderung gefällt George. „Wir probieren dann eben gemeinsam, ob und wie man Materialien verbinden kann.“ Dabei sieht er sich bis heute klar als Handwerker und vermittelt, dass Handwerk Zeit braucht. „Nicht alles geht digital.“ Fingerspitzengefühl könne man nicht ersetzen. Man müsse wissen, wann ein Material bereit ist und wann es bricht oder reißt. „Das wird auch in 1.000 Jahren noch so sein.“ Gleichzeitig ist George neugierig geblieben: Robotik und KI sieht ernicht alsGegensatzzumHandwerk, sondern als spannende Ergänzung. Und so beobachtet er interessiert, was sich in seinem Umfeld entwickelt: „Was kann die Maschine – und was kann die Hand?“ Informationen: Studienwerkstatt Stephan George: www.adbk.de/de/ studium/ lehrangebot/ studienwerk staetten/ gipsgiessen- und-stuck.html Handwerk hilft Archäologie Stuckateurmeister Stephan George war am interdisziplinären Forschungsprojekt „Vitruv und die Techniken des Raumdekors“ beteiligt und untersuchte archäologische Funde von antiken Wandputzen. Er schlossdieLückezwischenarchäologischerTheorieund antiker Handwerkspraxis, indem er historische Schriften des römischen Baumeisters Vitruv experimentell prüfte. In aufwendigen Versuchsreihen rekonstruierte er mehrschichtige, tiefglänzende Wandputze aus Pompeji sowie gezogene Stuckgesimse aus einem Gemisch von Kalk, Sand und Marmorstaub. Für die Forschung wies er damit die technologische Machbarkeit antiker Verfahren nach. Durch sein handwerkliches Fachwissen lieferte George der Wissenschaft wichtige Erkenntnisse darüber, wie die extrem haltbaren und prachtvollen Raumdekorationen der römischen Antike vor Ort erschaffen wurden. www.archaeologie-online.de / Stichwort Vitruv Foto: privat 10 1991 holte Stephan George Gold bei der Internationalen Berufsolympiade (Bild unten). Heute leitet der Stuckateurmeister und Restaurator eine Studienwerkstatt an der Akademie der Bildenden Künste München und verbindet Handwerk mit Wissenschaft (großes Bild).

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