Handwerk Special Nr. 233 vom 28.11.2020
Winterausstellung 2020: Traditionelles Weberhandwerk Nr. 233 28. November 2020 www.handwerk-special.de 8 Die Weberin Streng genommen wollte Claudia Geilen schon als Kind Weberin werden. Die Ent- scheidung fiel, als sie die Klosterwerkstatt einer Tante besuchte. Dort wurden feine Messgewänder gewebt – und genau das wollte sieeines Tages auchmachen. Doch es kam anders. Aus demMädchen wurde einegestandenemedizinischeFachange- stellte, die lange in einer radiologischen Praxis arbeitete. Doch ihr ursprünglicher Traum ließ die Plaidterin nicht los. Und so kam es, dass sie mit Mitte 40 noch einmal durchstartete. Viereinhalb Jahre Lehre und mit 50 dann derStartindieSelbstständigkeitimneuen Beruf – das wagen nicht viele. „Zunächst in Teilzeitform“, schränkt Claudia Geilen ein, obwohl sie längst eineMeisterin ihres Fachesist.SiebenWebstühlestehenheute in ihrem Haus. Was ihr Mann dazu sagt? „Er hat auch einen“, berichtet die Kunst- handwerkerin. Ihre Leidenschaft für eine inDeutschlandvomAussterbenbedrohte Handwerkskunst ist offenbar ansteckend. Mit Romantik hat das Ganze übrigens nichtszutun,obwohlinbewegtenZeiten, in denen viele die Langsamkeit für sich wiederentdecken, das Weberhandwerk mit vielenPositiv-Vorurteilenbehaftet ist. „70 Prozent Vor- und Nacharbeit, 30 Pro- zent Spaß“, betont Claudia Geilen. Denn wer weben will, braucht zunächst einmal viel Geduld und muss vor allem rechnen können.SchondasBespanneneinesWeb- stuhls ist eine Heidenarbeit. Und Fehler kann man sich schon gar nicht leisten. DerGarnbedarfmussvorhergenauausge- rechnet werden. Auch muss einkalkuliert werden, dass gewebte Produkte bei der Kontakt: Claudia Geilen Tel. 02632/ 6789 weberei-geilen. jimdofree.com Wie Claudia Geilen Kreativität mit traditioneller Handwerkskunst vereint. ersten Wäsche bis zu 15 Prozent kleiner werden. Das ist normal, aber man muss es halt wissen. Tischläufer, Schals, Stolen, Decken, gelegentlich auch Kleider: So in etwa sieht das Standardprogramm von Claudia Geilen aus. Besonders gern stellt sie sogenannte Grubenhandtücher her. Das sind extremwiderstandsfähige blau- grau-kariertgemusteteHandtücher,deren Qualität einst Bergmänner imklassischen Grau zu schätzen wussten. Wo sie das alles gelernt hat? Im Werkhof Kukate in WaddeweitzimWendland.Daistübrigens der einzige Ort in Deutschland, an dem man dieWeberkunst noch erlernen kann. In skandinavischen Ländern ist das völlig anders „Da halten sie die Webkultur hoch. DasliegtwohlandendunklenWintertagen, andenenmandienötigeMußehat“,glaubt ClaudiaGeilen.Dagegenkämpfendieweni- gen Weber hierzulande mit einem großen Problem:ImmeröfterschließenHändler,die passendeGarneverkaufen.DasRohmaterial wird also immer seltener und damit teurer. ClaudiaGeilenbestelltinzwischeninSchott- land. „Mal schauen wie das mit dem Brexit läuft“, fragt sie sich und befürchtet, dass zusätzliche Zölle das Material weiter ver- teuern. Umeine Alternative zu entwickeln, arbeitetsiemitregionalenSpinn-Initiativen zusammen. Undnicht nur das. ClaudiaGei- len gibt auch ihrWissenweiter. Imeigenen Haus veranstaltet sie Kurse mit maximal vierTeilnehmern.Corona-bedingtgehtdas derzeit natürlich nicht. Im Sommer konnte sie einmal auf den Garten aufweichen. „An diesem Tag war es ausgerechnet 38 Grad heiß“,erinnertsiesich.DieTeilnehmerließen sichnichtabschrecken,ClaudiaGeilenkann sich über treue Schüler freuen. Accessoires wie Stolen und Schals, manch- mal Bekleidung: Auch in der Winterausstel- lung der HwK Koblenz zeigt Claudia Geilen die erstaunliche Bandbreite des Weberhand- werks, das in Deutschland leider nur noch wenig verbreitet ist. Die Weberin aus Plaidt hat übrigens sieben unterschiedlich ausge- legte Webstühle, der älteste besteht aus wie- derverwendeten Fachwerkbalken.
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