Handwerk Special 63 vom 02.09.1998


Flotter Tritt - auch auf musikalischem Parkett

Computeranalyse des Fubettes
Chefsache: Erwin Rosenbach bei der Computeranalyse des Fußbettes.

Was er tut, macht er leidenschaftlich gern. Und mit viel Einfühlungsvermögen. Bewegen in bestem Schuhwerk zu flotten Rhythmen. Erwin Rosenbach aus Koblenz, Orthopädieschuhmachermeister und „Moosrebber"-Musiker, ermöglicht beides. Er möchte, daß seine Kunden „in gutaussehenden und paßgerechten Schuhen das Stück Lebensqualität wiederfinden, daß ihnen etwa durch Unfall oder Krankheit verlorenging." Das war auch Triebfeder für seinen Berufswunsch: „Mein Großvater und Vater waren Schuhmachermeister. Ich wollte mehr tun, als Schuhe reparieren."

1981 eröffnete er sein Geschäft. Hier fertigt er mit 40 Mitarbeitern alle orthopädischen Hilfsmittel, von der Einlage bis zum Maßschuh. Rund 15 verschiedene Maße samt Fußabdruck braucht er für das Bett eines einzelnen Fußes. Nur so sind Paßform und perfekter Bewegungskomfort garantiert. Darüber hinaus bietet er Bequemschuhe an, bei denen das Fußbett herausgenommen und paßgerecht ersetzt werden kann. 10.000 Paar hat er immer auf Lager. Selbstverständlich gehört auch die medizinische Fußpflege zum Angebot. Touristen aus aller Welt kommenzu ihm und kehren mit patentierten Einlagen made by Rosenbach zurück. Berühmtheiten aus der Sportszene, unter ihnen die Eiskunstläufer Mandy Wötzel und Ingo Steuer sowie der 400m Hürdenläufer Harald Schmid, liefen in Rosenbach-Sporteinlagen zu Meisterehren.

In seiner Freizeit tauscht Rosenbach sein Werkzeug gegen Klarinette und Saxophon, erzählt mit dem Trio „Moosrebber" - ein Spitzname für die Oberfeller - musikalisch von den Schönheiten von Rhein und Mosel: „Unsere Heimat bietet nicht nur Hochwasser. Doch selbst volle Keller und unpassierbare Straßen gehören dazu. Wer hier aufgewachsen ist, zieht deshalb nicht weg."

Eine fast intime Situation: Der Schuh für den kranken Fuß

Bewegungsablufe in Videoberwachung
Mit Hilfe von Laufband, Video- und Computertechnik analysiert der Orthopädieschuhmacher die Bewegungsabläufe und eventuelle Fußfehlstellungen.

„Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh", singen die Kinder im Kreisspiel. Es macht ihnen große Freude, der Aufforderung zu folgen. Gar nicht spaßig sondern sehr intim finden manche Menschen, ihre Füße zu zeigen. Das weiß der Koblenzer Orthopädieschuhmachermeister Martin Jaeger nur zu gut. In diskreten Kabinen ist er deshalb beim Maßnehmen und Anpassen der Schuhe mit den Kunden allein. 70 Prozent von ihnen sind Diabetiker. Diabetesfüße mit offenen Wunden sieht er häufig. „Die Versorgung von Diabetikern erfordert nicht nur handwerkliches Können, sondern auch ein vertieftes Verständnis der Krankheit. Da muß man oft auch etwas für die Seele tun. Diabetiker tragen oft zu enge Schuhe. Ihre geschädigten Fußnerven senden keine Signale. Die entstandenen Druckstellen entzünden sich und heilen schlecht", erklärt er.

Eine elektronische Fußdruckmessung ermöglicht, die Reaktionen des Fußbetts in Bewegung exakt festzuhalten, so daß entsprechende individuelle Einlagen angefertigt werden können. Dazu werden 500 Teilaufnahmen vom Fuß in 30 Sekunden gemacht und ausgewertet.

Sportler mit Fuß- und Knieproblemen liegen Martin Jaeger, der selbst Langläufer ist, besonders am Herzen: „Ein optimaler Laufschuh ist mehr, als modisches Accessoire. Durch eine Laufbandkontrolle und eine Video-Zeitlupen-Analyse erkennen wir alle Fußfehlstellungen, die durch Sporteinlagen oder maßgeschneiderten Umbau der Laufschuhe korrigiert werden."

Kleine Orthopädie- (Schuh-) Geschichte
Der Schuh, so eine philosophische Interpretation, ist das verbindende aber auch trennende Element zwischen dem Menschen und der Erde. Der Mensch läuft nicht auf Schotter, Waldboden oder Sand, sondern er läuft in Schuhen. Der Schuh kann Auskunft geben über das soziale und kulturelle Selbstverständnis in verschiedenen Zeiten und Ländern.
Wenn es trotz hochwertigem Schuhwerk nicht richtig läuft, liegt es häufig an Fußfehlstellungen. Jetzt ist der Orthopädieschuhmacher gefragt. Einlagen, Innenschuhe, Bandagen, orthopädische Schuhe, Gummistrümpfe, Orthesen - das sind nur einige Leistungen, die durch die Schuhtechniker erbracht werden.
Der um 460 v. Chr. geborene Hippokrates kann als einer der Väter der wissenschaftlichen Orthopädie bezeichnet werden. Er berichtet ausführlich über die Verkrümmungen der Wirbelsäule, den Klumpfuß, die Verrenkungen im Fußgelenk. Orthopädische Schuhe, die im 19. Jahrhundert gebaut wurden, entbehrten jedoch einer wissenschaftlichen Grundlage. Sie sollten meist nur eine Fehlform kunstvoll verbergen. Durch die zahlreichen Fuß- und Beinverletzungen des ersten Weltkrieges stieg der Bedarf an orthopädischem Schuhwerk erheblich. Die gründliche wissenschaftliche Ausbildung der Orthopädieschuhmacher wurde notwendig.
Am 9. September 1937 wurde der Gewerbeordnung der Paragraph 30b eingefügt, der besagt, daß „orthopädische Maßschuhe nur im Handwerksbetrieb eines Schuhmachermeisters angefertigt werden dürfen, der eine Zusatzprüfung bestanden hat."
Mit der Einführung der Handwerksordnung 1953 wurde das Orthopädieschuhmacherhandwerk zum Vollhandwerk erklärt. Das bedeutet, daß schon die Grundausbildung gegenüber dem herkömmlichen Schuhmacherhandwerk eine andere ist.

Nachgefragt ...

bei Walter Schneider, stv. Obermeister der Orthopädieschuhmacherinnung Mittelrhein/Pfalz:

Wie muß der gesunde Schuh aussehen?

„Einen gesunden Einheitsschuh gibt es nicht. Wichtig ist vor allem, daß die Füße Platz haben. Der orthopädische Maßschuh muß heute auch modisch sein. Jede Schuhart, ob Sportschuh oder Mocassins läßt sich paßgerecht bearbeiten. Der Kunde braucht sich auch nicht mehr ausschließlich an den Farben schwarz und braun zu orientieren. Alles ist möglich.


Zahlen rund ums Orthopädieschuhmacherhandwerk

41 selbständige Orthopädieschuhmacher sind in der Handwerksrolle der HwK Koblenz eingetragen. 23 junge Leute, darunter drei Mädchen, lernen derzeit im nördlichen Rheinland-Pfalz diesen Ausbildungsberuf.

Informationen zu allen Fragen rund um die Lehre berät die HwK-Ausbildungsberatung,
Tel.: 0261/398-323, Fax: -989, e-mail: aubira@hwk-koblenz.de